13. September 2007

Parareptilien: Die Entwicklung des Ohrs und die Eroberung des nächtlichen Lebensraums


Die beiden Paläontologen Johannes Müller und Linda Tsuji vom Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität Berlin untersuchten rund 260 Millionen Jahre alte Fossilien von sechs verschiedenen eng verwandten Reptilienarten aus dem Nordwesten Russlands, die in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nahe des Flusses Mezen gefunden wurden.

Bei diesen sogenannten Parareptilien, die im Perm gelebt haben, waren die Schläfen anscheinend von einem breiten Trommelfell bedeckt, das durch eine den menschlichen Gehörknöchelchen vergleichbare Knochenstruktur mit dem Innenohr und dem Gehirn verbunden war. Somit besaßen diese frühen Reptilien bereits Ohren, die genauso aufgebaut waren wie die Ohren heutiger Landwirbeltiere und mit denen sie durch Luft übertragene Geräusche wahrnehmen konnten.

Die Erkenntnisse der Berline Wissenschaftler zeigen, dass die ersten Ohren schon 60 Millionen Jahre früher entstanden als bislang angenommen − und damit nicht, wie ebenfalls vermutet, durch die Ausbreitung der Insekten gefördert wurde, deren Summen von den Reptilien wahrgenommen werden sollte. Denn die schnelle Ausbreitung der Insekten trat erst später ein.

Doch was war dann der Grund für die Entwicklung dieser Ohren? Die beiden Berliner Forscher glauben, dass es mit der Eroberung neuer ökologischer Nischen zu tun hat. Da auch in den damaligen Ökosystemen an Land ein harter ökologischer Wettbewerb herrschte, war es notwendig, durch Evolution neue Eigenschaften hervorzubringen, die einen Vorteil gegenüber anderen Konkurrenten brachten.

Da die untersuchten Parareptilien-Reste nicht nur die Eigenschaften eines modernes Gehörs besßen, sondern darüberhinaus auch deutlich vergrößerte Augenöffnungen, nehmen Müller und Tsuji an, dass sie darauf aus waren, den nächtlichen Lebenraum zu erobern. Auch heute lebende nachtaktive Tiere besitzen eine überdurchschnittliche Fähigkeit zu hören und besitzten überdimensionale große Augen.

Dennoch ist diese Erkenntnis überraschend, denn Reptilien sind normalerweise auf viel Sonnenlicht angewiesen, um eine gesunde Körpertemperatur aufrechterhalten zu können. Somit ergibt sich ein weiteres Rätsel, das noch gelöst werden muss: Wie regulierten diese kaltblütigen Tiere nachts, wenn keine Sonne scheint, ihren Stoffwechsel und Wärmehaushalt?

"Vielleicht", so vermutet Müller, "haben sie sich tagsüber in den warmen Sand eingegraben sich so aufgewärmt und die Wärme für die kühle Nacht gespeichert".



weitere Informationen unter:

  • Spiegel Online:
    Uralte Reptilien konnten als erste hören
  • uni-protokolle.de:
    260 Millionen Jahre alte Reptilien aus Russland mit ersten modernen Ohren
  • Bild der Wissenschaft:
    Uralte Ohren



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    2007 Dinosaurier-Interesse